Thema
der Woche
Kalenderwoche
10; Jahr 2004
Gewohnheitsstörungen:
Zwanghaftes Hautknibbeln (Skin Picking) und Nägelbeißen

Es
ist nichts Ungewöhnliches, dass jeder ab und zu mal an seiner Haut knibbelt,
kratzt, zupft oder drückt und gelegentlich mal an den Nägeln knabbert.
Dennoch gibt es Grenzen, die dieses normale Verhalten von krankhaftem unterscheiden.
In den meisten Fällen geschieht dieses Verhalten aus Langeweile heraus
oder als nervöse Angewohnheit und verursacht kaum Probleme. Die Grenze zwischen
normalem Verhalten und Störung kann dort gezogen werden, wo der entstehende
physische Schaden nicht mehr unerheblich ist und das Verhalten insgesamt Einfluss
auf normale tägliche Aktivitäten nimmt.
Das
Hautknibbeln und Nägelbeißen werden erst in jüngerer Zeit als
zu den Zwangsspektrumsstörungen gehörig eingestuft. Zwanghaftes Nägelbeißen
(Onychophagie) erscheint bisher nicht in der DSM-IV als offiziell anerkannte Störung.
Zwanghaftes Hautknibbeln ist den Dermatologen zwar unter Neurotischer Excoriation
bekannt, jedoch gibt es auch hier keine offizielle psychiatrische Kennzeichnung
in der DSM-IV, sondern wird unter der Kategorie Nicht Anders Spezifizierte
Impulsive-Kontrollstörung (Impulsive-Control Disorder Not Otherwise
Specified) eingeordnet. Es ist jedoch klar, dass beide Probleme ein Ausmaß
erreichen können, das bis zu Arbeitsunfähigkeit der Betroffenen führen
kann. Nägelkauen
Psychologen bezeichnen das Nägelkauen als Leerlaufhandlung, eine Angewohnheit,
die bei verschiedensten Anlässen auftreten kann und eine gewisse Befriedigung
und Entlastung mit sich bringt. Nägelkauen ist immer ein Begleitsymptom,
eine Reaktion auf Stress und Überforderung. Hinter dem Nägelkauen ist
nicht sofort eine schwere seelische Störung zu vermuten! Oft
beginnt die Angewohnheit bereits im Kindergartenalter, zwischen vier und sechs
Jahren. In der Regel handelt es sich um eine vorübergehende Episode. Wird
allerdings exzessiv geknabbert, der Nagel so weit abgebissen, dass das Nagelbett
verletzt wird, anschwillt und Entzündungen entstehen, verändert das
die Situation. Dieses Nägelbeißen ist schmerzhaft; es hat einerseits
etwas Selbstverletzendes und Aggressives, anderseits aber auch etwas Selbstverzärtelndes.
Die Beschäftigung mit sich selbst beruhigt, auch wenn es später weh
tut. Ist exzessives Nägelkauen ein vorherrschendes Verhalten, das von dem
Kind zwanghaft ausgeübt und nicht mehr kontrolliert werden kann, müssen
Eltern eingreifen. Hautknibbeln Das
Hautknibbeln kann soweit gehen, dass offene Wunden an verschiedenen Körperstellen
entstehen und auch die entstehenden Krusten immer wieder aufgekratzt werden. Das
Hautknibbeln umfasst das weitverbreitete Ausdrücken oder Ausgraben von Pickeln
und Mitessern mit Hilfe der Finger oder andern Hilfsmitteln und kann bis zur Entstehung
von Hautinfektionen und Narbenbildung reichen. Ebenfalls dazugehören kann
eine stundenlange Untersuchung und Betrachtung des Gesichtes im Spiegel. Es
scheint zwei große Gruppen von Hautknibblern zu geben. Die eine Gruppe hat
große Ähnlichkeiten mit BDD (Body Dismorphic Disorder), bei denen die
Betroffenen davon überzeugt sind, das kleinste Pickelchen entstelle ihr Gesicht
völlig. Sie knibbeln nicht nur an echten Hautunreinheiten, sondern an allem
was auch nur annähernd einer Hautunreinheit ähnelt. Das Ziel ist ihr
Gesicht perfekt zu machen. Bei der Eigenbetrachtung wird in ihrer
Wahrnehmung aus ein oder zwei kleinen Pickeln ein Fall von schwerer Akne. Die
andere Gruppe zeigt größere Verwandtschaft zu dem automatisierten Typ
von TTM (Trichtillomanie). Die Betroffenen knibbeln um einen inneren Drang zu
befriedigen, ähnlich dem Drang TTM-Betroffener sich die Haare auszureißen.
Sie stehen in einem nahezu Trance-ähnlichen Zustand vor dem Spiegel, knibbeln
und quetschen weil es sich gut anfühlt. Für sie bringt das
Knibbeln Erleichterung bei inneren Spannungen oder Stress und baut diesen inneren
Drang ab. Starkes
Nägelbeißen, bei dem die Nägel bis zum Nagelbett heruntergebissen
werden, kann so ausgeprägt sein, dass die Finger bluten und die Fingerspitzen
entstellt werden. Auch die Nagelhaut kann durch Knibbeln oder Beißen betroffen
sein. Die Nägel können selbstverständlich nicht nur abgebissen
sondern auch abgeknibbelt oder abgerissen werden. Das Nägelbeißen kann
ebenso wie TTM und das Hautknibbeln, bewusst / absichtlich oder unbewusst / automatisch
geschehen. Ähnlich der TTM berichten Betroffene häufig, dass sie nur
wenig bis keinen Schmerz während der Handlung empfinden, sondern eher ein
Gefühl der Befriedigung und Beruhigung erleben. Häufigkeit
des Hautknibbelns Bisher
ist das Hautknibbeln nicht als eigenständige Erkrankung klassifiziert. Es
wurden noch keine Studien über die Häufigkeit des Auftretens in der
Gesamtbevölkerung vorgenommen. Eine Studie von Griesemor (1978) ergab, dass
ca. 2 % der Patienten von Dermatologen dieses Verhalten aufweisen. Eine jüngere
Studie von Dr. Bernadette Cullen (Johns Hopkins University/Baltimore) besagt,
dass dieses Verhalten wahrscheinlich unter Zwangserkrankten weit stärker
verbreitet ist, als allgemein angenommen. Nach dieser Studie waren 23 % von 79
Zwangserkrankten vom Hautknibbeln betroffen, im Vergleich zu 7 % der Nicht-Zwangserkrankten
Kontrollgruppe. Die tatsächliche Anzahl, der von diesem Zwangsverhalten
Betroffenen ist bisher unbekannt. Dr.Penzel [der Autor] nimmt jedoch an, dass
diese Zahl weit höher liegt, als man vermuten würde. Viele erkennen
wahrscheinlich nicht, dass sie möglicherweise unter einer Störung leiden
und dass es Hilfen gibt. Desweiteren sind viele Ärzte und Therapeuten nicht
ausreichend genug informiert um Patienten mit dieser Problematik zu erkennen.
LINKTIPPS:
.... Nägelbeißen und Nägelkauen
.... Artikel über Nägelkauen bei Kindern
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