Thema
der Woche
Kalenderwoche
43; Jahr 2006
Geschmacksverstärker
im Essen:
unnötig und nicht ganz ungefährlich

Es
gibt beinahe kein Entkommen: Geschmacksverstärker dominieren die Zusammensetzungen
in der modernen Lebensmittelindustrie. Kaum ein Fertigprodukt das ohne auskommt.
Aber nicht nur in den meisten Tiefkühlfertigprodukten, auch in vielen vermeintlich
unbehandelten Lebensmitteln tauchen sie zunehmend unverhofft auf.
Geschmacksverstärker
sollen - wie der Name schon sagt - die Geschmacksnote einer Speise verstärken.
Sie prägen als Grundstoff standardisierter Würzmischungen mittlerweile
den Normgeschmack der meisten Fertigprodukte. Der Grund für den inflationären
Einsatz liegt auf der Hand: durch die künstliche Verstärkung des Geschmacks
bestimmter Rohstoffe sparen die Lebensmittelhersteller teure Zutaten ein. Dabei
geht es nicht nur um biologisch besonders wertvolle "natürliche"
Zutaten, sondern ganz einfach darum, dass viele Lebensmittel (z.B. die meisten
Kräuter) nur ganz frisch ihr volles Aroma entfalten. Frische Zutaten sind
aber erstens teuer bzw. saisonbedingt nicht immer in gleicher Qualität zu
haben, zweitens läßt sich der Frische-Effekt bei Verarbeitungsschritten
wie kochen, trocknen oder einfrieren nicht ohne weiteres konservieren. Geschmacksverstärker
sorgen dafür, dass mit weniger natürlichen Würzsubstanzen der gleich
oder sogar mehr Geschmack entsteht. Zudem kann damit natürlich aber auch
gewissen Erfordernissen Rechnung getragen werden: so lassen sich natürlich
auch "unerwünschte" Mengen bestimmter Substanzen wie etwa
Zucker oder Salz reduzieren - an und für sich ein ernährungswissenschaftlich
sinnvoller Effekt. Was
genau sind Geschmacksverstärker eigentlich? Geschmacksverstärker
sind Stoffe, die den Geschmack und/oder Geruch eines Lebensmittels verstärken.
Sie können bestimmte Geschmacksrichtungen besonders gut hervorheben oder
auch intensivieren. Geschmacksverstärker werden besonders bei solchen Lebensmitteln
eingesetzt, die durch ihre Zubereitung (Wasserentzug, Hitze, Tiefgefrieren) den
eigenen Geschmacksgebenden Komponenten verloren haben. Sie
haben zumeist keinen ausgeprägten Eigengeschmack und kommen überwiegend
aus der Gruppe der organischen Substanzen. Ihre Wirkung beruht hauptsächlich
auf der Sensibilisierung der Mundpapillen. Geschmacksverstärker machen die
Geschmacksrezeptoren empfindlicher. Dadurch reagieren sie schneller und schicken
stärkere Reize an das Gehirn. Das ganze funktioniert übrigens auch mit
den anderen Geschmacksrichtungen. Doch werden die in der Praxis nicht so häufig
verstärkt. Beim Natriumglutamat kommt außerdem noch ein weiterer, besonderer
Effekt hinzu. Es hat einen Eigengeschmack. Und der entspricht der fünften
Geschmacksrichtung, dem so genannten umami. Das bedeutet übersetzt
soviel wie fleischig, würzig oder wohlschmeckend. Deshalb findet man Natriumglutamat
vor allem in Brühwürfeln, Würzsoßen oder Fertigprodukten,
bei deren Herstellung die natürlichen Aromen häufig auf der Strecke
bleiben. Am
meisten Wirkung wird bei Mischungen mit 95% Glutamat und 5% Guanylat, Nucleotid
oder Inosinat erzielt. Als echte Geschmacksverstärker werden nur Stoffe mit
den
E-Nummern beginnend mit der Ziffer &, also E 6XX bezeichnet. Alle
übrigen aufgeführten Zusatzstoffe eignen sich aber durch ihre Wirkung
auch als Geschmacksverstärker.
| Zugelassene
Geschmacksverstärker im Überblick | Natriumlactat
E 325 Kaliumlactat E 326 Calciumlactat E 327 Adipinsäure E 355
Natriumadipat E 356 Kaliumadipat E 357 Bernsteinsäure E 363 Kaliumchlorid
E 508 Calciumchlorid E 509 | Magnesiumchlorid
E 511 Glutaminsäure E 620 Mononatriumglutamat E 621 Monokaliumglutamat
E 622 Calciumdiglutamat E 623 Monoammoniumglutamat E 624 Magnesiumdiglutamat
E 625 Guanylsäure E 626 Dinatriumguanylat E 627 | Dikaliumguanylat
E 628 Calciumguanylat E 629 Inosinsäure E 630 Dinatriuminosinat
E 631 Dikaliuminosinat E 632 Dicalciuminosinat E 633 Calcium-5-ribonucleotid
E 634 Dinatrium-5-ribonucleotid E 635 Glycin E 640 Thaumatin E 957 |
Böses, böses Glutamat ? Als
Glutamate werden die Salze der Glutaminsäure bezeichnet. Diese Aminosäure
ähndelt jener Aminosäuren, die im menschlichen Körper das Eiweiß
bilden. Glutamate kommen auch in unserer natürlichen Ernährung vor.
Im Körper dienen sie als Botenstoffe (Neurotransmitter) für Informationen
im Gehirn. Künstlich hergestellte Glutamate werden vor allem in Würzmitteln,
praktisch in allen Fertiggerichten, Soßen, Beutelsuppen und asiatischen
Gerichten verwendet. Sie sind als Geschmacksverstärker gekennzeichnet oder
als E620 E625, manchmal auch nur als Würzmittel. Als
Substanz wurde Glutamat (Natriumglutamat) zuerst 1866 vom Deutschen Karl Heinrich
Leopold Ritthausen identifiziert, 1908 entdeckte der japanische Forscher Kikunae
Ikeda dessen Bedeutung als Geschmacksqualität; er untersuchte, was die Ursache
für den besonderen Wohlgeschmack von Käse (z.B. Parmesan), Fleisch und
Tomaten ist, der aber nicht durch die vier bekannten Geschmacksrichtungen süß,
sauer, salzig, bitter abgedeckt wird. Dabei konnte er aus einem in Japan in der
Küche verwendeten Algenextrakt Glutamat extrahieren und nachweisen, dass
Glutamat für den speziellen Umami-Geschmack verantwortlich ist. Viele
wohlschmeckende Lebensmittel (wie reife Tomaten und Käse) enthalten hohe
Gehalte an freiem Glutamat. Aus diesem Grund werden sie schon seit Jahrhunderten
in der Küche als 'natürliche' Geschmacksverstärker geschätzt.
In der asiatischen Küche werden Fischsaucen und Algenextrakte als Glutamatspender
verwendet. Über die Nahrung nehmen wir somit bei normaler Mischkost täglich
Glutamat auf. Einige Menschen reagieren jedoch empfindlich auf größere
Mengen dieser Stoffe. Es treten z.B.
Kopfschmerzen, Schwindel-
oder Wärmegefühle oder starkes Herzklopfen auf. Der
Geschmacksverstärker Glutamat ist gesetzlich zugelassen und dennoch umstritten
- unter anderem auch, weil er
Übergewicht
fördern soll. Bereits beim ersten Kontakt mit Glutamat läuft einem reichlich
Wasser im Mund zusammen. Mehr Speichel animiert jedoch unbewusst zum Weiteressen,
Glutamat dürfte also Appetit anregend wirken.
Hie und da eine Prise Glutamat im Essen ist kein Grund zur Sorge. Doch bei Menschen,
die auf Glutamat empfindlich reagieren, und bei reichlichem Verzehr sieht das
anders aus. Außerdem fördert Glutamat die Insulinausschüttung,
was zu regelrechtem Heißhunger führen kann. Auch erhöht Glutamat
die Menge des Stresshormons Kortison, das unter anderem die Einlagerung von Fett
in den Körper fördert. Glutaminsäure
und die Glutamate können bei entsprechend disponierten Personen tatsächlich
krankheitsauslösend wirken. Durch erhöhten Verzehr können etwa
Kopfschmerzen, Nackentaubheit, Gliederschmerzen und Übelkeit auftreten. Diese
Krankheitsmerkmale sind auch als "Chinarestaurant Syndrom"
bekannt. Neuere Untersuchungen in diesem Zusammenhang zeichnen nicht mehr die
Glutamate, sondern eine andere Aminosäure, das Histamin, für diese Symptome
verantwortlich. Möglicherweise spielen hierbei auch allergische oder pseudoallergische
Reaktionen eine Rolle. Glutamate
werden heute vor allem in der amerikanischen Literatur für
Asthma,
Migräne und viele
allergische Reaktionen verantwortlich gemacht. Welche genauen Auswirkungen
Glutamat-Verbindungen auf den menschlichen Körper nach Passage des Magen-Darm-Traktes
haben, muss aber noch genauer untersucht werden. In diesbezüglichen Doppelblindstudien
konnte bislang keine Schädlichkeit nachgewiesen werden. Bis zum Vorliegen
entsprechender - signifikanter - Forschungsergebnisse gelten Mononatriumglutamat
und ähnliche Verbindungen jedenfalls offiziell als gesundheitlich unbedenklich.
Oft
unerkannt
Mehr als 4.500 verschiedene natürliche Aromastoffe in Lebensmitteln sind
bekannt. Doch wenn heute Aroma in der Zutatenliste steht, dann verbirgt
sich dahinter ein physikalisch, chemisch, gentechnisch oder biotechnisch hergestellter
Geschmacksstoff. Oft wird er synthetisch hergestellt oder von Bakterien, Schimmelpilzen
oder anderen Mikroorganismen produziert. Das problematische Glutamat "versteckt"
sich aber sehr gerne: Wer würde vermuten, dass sich hinter den Begriffen
"Aroma", "Würze", "Milchzucker" oder "Hefeextrakt"
erhebliche Glutamatmengen verbergen? Glutamat ist ein wesentlicher Bestandteil
von Gemüse- und anderen Fertigbrühen, Hefeflocken und Flüssigwürzen. Leider
kommt es seit einiger Zeit auch in vielen Fleisch- und Wurstwaren zum Einsatz,
weshalb ein besonders kritischer Einkauf ratsam ist um unliebsamen Überraschungen
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