Klostermedizin:
Wissenschaft entdeckt alte Heilkunde neu

Der
Ursprung vieler moderner Medikamente liegt in den Kräuter-
und Heilpflanzengärten
der alten Klöster und Abteien.
Jahrhunderte
lang war die so genannte Klostermedizin die einzige Heilkunde, mit der Kranken
geholfen werden konnte. Die Ordensleute wussten: Gegen so manches Zipperlein ist
ein Kraut gewachsen! Bereits seit einigen Jahren erleben viele dieser zum Teil
uralten Arzneipflanzen und Heilkräuter eine Art Renaissance. Doch es ist
mehr als eine Modeerscheinung: In den letzten Jahren bekommen Heilmittel aus der
Klostermedizin auch von der modernen Medizin wissenschaftliche Anerkennung. Neueste
Analyseverfahren machen es möglich, alte Rezepturen nach aktuellen Standards
zu überprüfen und in den Handel zu bringen.
Geschichte
Die Medizin hatte im frühen Mittelalter einen schweren Stand, denn das geistige
Leben wurde vom Christentum beherrscht, und eine wissenschaftliche Heilkunde wurde
nicht akzeptiert. Krankheiten wurden als Strafe oder Prüfung Gottes hingenommen,
und die damaligen Ärzte mussten versuchen, aus christlicher Nächstenliebe
menschliches Leid zu lindern, ohne Gott ins Handwerk zu pfuschen. So wurden die
Klöster zu Orten, an denen das ärztliche Wissen der Antike erhalten
und gemeinsam mit den gesammelten Erfahrungen aus der Pflanzenheilkunde angewendet,
niedergeschrieben und weitergegeben wurde. Insbesondere die Benediktiner hatten
einen großen Anteil daran. Etwa um 788 wurde von ihnen das Lorscher Arzneibuch
verfasst, das über 600 pflanzliche Rezepturen enthält.
Ein
weiteres großes Werk der Klostermedizin stammt von Hildegard von Bingen
(1098-1179). Sie hat in ihrem Schriftwerk "Physica" die Wirkungen von
über 200 Heilpflanzen beschrieben. Auch wenn sie sich selbst als "indocta",
als Ungebildete, bezeichnet, muß man davon ausgehen, daß eher das
Gegenteil der Fall war. So gehört Hildegard zu den ganz wenigen mittelalterlichen
Autoren medizinischer Literatur, die in ihren medizinischen Werken religiöse
und moralische Betrachtungen einfließen lassen.
Nach
einem Rückgang der Bemühungen in Wissenschaft und Bildung, hervorgerufen
durch die Klosterreformen des 11. und 12. Jahrhunderts, suchen die Orden den Anschluß
an die akademische Medizin. In
der Renaissance, am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, geben die Klöster
ihre umfassende medizinische Versorgung (Klosterspital) allmählich auf, die
Klosterapotheke bleibt jedoch bis ins 18. Jahrhundert in vielen Fällen erhalten.
Die Mönchsärtze liessen sich in der Regel nicht an der Universität
ausbilden, das medizinische Wissen wurde vielmehr innerhalb der Klöster an
den Amtsnachfolger weitergegeben.
Die
Geschichte der Klostermedizin beschränkt sich allerdings nicht auf das Mittelalter.
Im 17. und 18. Jahrhundert erreichten die Klöster eine neue wissenschaftliche
Blüte, die auch für die Entwicklung der Medizin und der Pharmazie von
großer Bedeutung war. Die Klostermedizin in ihrer traditionellen Form gibt
es heute nicht mehr. Mit der Auflösung der Klöster und ihrer Apotheken
in der Säkularisation ging viel Fachwissen verloren. Erst durch die Entwicklung
der Pflanzenheilkunde wurde wieder Wissen und Erfahrung über die Wirkung
von Heilpflanzen gesammelt.
Heute
kennt man ca. 3000 Heilpflanzen, etwa 500 von diesen werden
zur Herstellung von Arzneien genutzt. Zu den nachgewiesenermaßen
wirksamen Pflanzen gehören zum Beispiel
Artischocke, Baldrian, Johanniskraut und Salbei. Es
gibt jedoch noch eine Menge weiterer Heilpflanzen, deren gesundheitsfördernde
Wirkungen bislang in der Öffentlichkeit noch nicht so
bekannt sind, dazu zählen u.a. Schafgarbe, Spitzwegerich,
Mönchspfeffer, Erdrauch und Eibisch.
Renaissance
der Pflanzenmedizin
Viele
Patienten suchen in Ergänzung zur modernen Medizin nach Behandlungsmethoden
mit Kräutern. Hier hat sich die Forschung unter anderem das Wissen der Klostermediziner
zunutze gemacht. Diese verbinden Erfahrungen aus der Heilkräuterkunde mit
ganzheitlichen Vorstellungen von Körper und Geist. Gerade für die immer
häufiger diagnostizierten Befindlichkeitsstörungen und kleinen "Wehwehchen"
sind schwach wirksame Mittel gefragt.
Die
Klostermedizin hält viele solche bereit, noch dazu wirken die meisten pflanzlichen
Mittel zugleich auch kreislaufunterstützend und belebend. Das entspricht
durchaus dem neuesten Therapieziel der Medizin: heilen und gleichzeitig wohlfühlen.
Ein
zweiter, ökonomischer, Aspekt für die Wiederentdeckung der Pflanzenmedizin:
Heilkräuter sind Medikament, die nachwachsen. Man muss sie nicht durch komplizierte
Verfahren im Labor synthetisch herstellen. Allerdings
ist auch der Standard bei Phythopharmaka mittlerweile sehr hoch: Da genügt
nicht das "Kräutl" vom Wegesrand, es werden speziell auf die Wirkstoffkomponenten
gezüchtete Hochleistungskräuter verwendet.
Medizin
und Pharmakologie erforschen Einsatzfelder
Seit
20 Jahren arbeitet der Wissenschaftler Johannes Mayer an der Erforschung der alten
Tradition. Zusammen mit Ärzten, Medizinhistorikern und Archivaren durchforstete
er die Stiftsbibliotheken nach den Überlieferungen der Mönche. 1999
wurde zwischen der Universität Würzburg und der Pharmafirma Abtei eine
bundesweit einzigartige "Forschergruppe Klostermedizin" gegründet.
Professor Dr. Dr. Gundolf Keil ist Leiter der Forschergruppe, in der Mediziner,
Botaniker, Chemiker, Pharmazeuten und Historiker zusammenarbeiten. Die Forschergruppe
erschließt alte Text- und Bildüberlieferungen mit dem Ziel, sie der
Fach- und Publikumsöffentlichkeit bekannt zu machen. Zweck der Kooperation
ist vor allem aber auch, das historische Heilwissen der Klöster aufzuarbeiten
und gegebenenfalls für moderne Therapien nutzbar zu machen.
Von
der Zusammenarbeit mit der Forschergruppe verspricht sich der Arzneimittelhersteller
Abtei - seit 1997 ein Unternehmen des britisch-amerikanischen Pharmakonzerns SmithKline
Beecham GmbH - den Erfahrungsschatz der Mönche mit dem eigenen wissenschaftlichen
Know- How besser abgleichen zu können. Im positiven Fall sollen die gewonnenen
Erkenntnisse zu modernen Arzneimitteln führen. "Auf diesem Weg kann
die Klostermedizin auch aus den oft falsch interpretierten alternativen, auch
esoterisch angehauchten Heilmethoden herausgehalten werden, wo sie nicht hingehört",
sagt Abtei-Direktor Heribert Voß.
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