Thema
der Woche
Kalenderwoche
03; Jahr 2004
Cyber-Krankheiten
eine neue Anforderung an Therapeuten!

Neue Krankheiten
erfordern neue Therapien. Für die meisten Psychologen und Psychotherapeuten
ist die Internet-Sucht aber noch absolutes Neuland. Es gibt weder formale Diagnose-Kriterien,
anhand derer Internet-Sucht objektiv festgestellt werden kann, noch spezielle
Therapien. Forscher behelfen sich derzeit mit modifizierten Diagnose-Kriterien
für Spielsucht und Therapeuten, die zunehmend mit Internet-süchtigen
Patienten konfrontiert werden, greifen auf allgemeine Therapieansätze
für Suchtkrankheiten zurück.
Dr.
Kimberly Young vom "Center for On-Line Addiction" in Pittsburgh, USA
hat in einer jetzt veröffentlichten Studie Erfahrungsberichte von Therapeuten
erfaßt und ausgewertet. 35 Therapeuten mit im Durchschnitt 9 Patienten mit
Internet-Sucht pro Jahr haben an dieser Studie teilgenommen. Eine
der wesentlichsten Erkenntnisse war, daß Internet-Sucht ein ziemlich breites
Spektrum von Symptomen und Verhaltensstilen umfaßt: Vom zwanghaften Nutzen
der Cyber-Sex-Seiten über übermäßiges Engagement in Online-Beziehungen
statt in Real-Leben-Beziehungen bis zur übermäßiger Informationssuche
im Web oder exzessivem Spielen von Computer-Games. Als Sucht-Kriterien definierten
die Therapeuten: Extreme Internet-Nutzung gepaart mit signifikanten sozialen,
psychologischen oder/und beruflichen Unzulänglichkeiten. Betroffende sind
vom Internet wie "besessen", geraten in Angstzustände, wenn sie
"off-line" sind und lügen über bzw. verstecken das wahre Ausmaß
ihrer Internet-Nutzung. Die Konsequenzen der Sucht sind für die Betroffenen
oft verheerend: soziale Isolation, zunehmende Depression, Scheidung, Scheitern
in Ausbildung oder Beruf, Jobverlust, finanzielle Schwierigkeiten usw. Einige
Therapeuten berichteten von Patienten mit Drogen- und Alkoholmißbrauch als
Folge der ursprünglichen Internet-Sucht. Die
Anonymität, die das Netz seinen Benutzern bietet, wird als ausschlaggebender
Faktor für die Ausbildung des Suchtverhaltens gewertet: - Demnach
fördert die Anonymität den Konsum von Cyber-Sex, Kinderpornographie
und Suche nach Befriedigung von anderem abweichendem Sexualverhalten. Häufig
begann das später zwanghafte Verhalten mit "harmloser Neugierde",
"einmal in diese Seiten hineinschauen, was es dort so gibt".
- Die
Anonymität hilft sozial ängstlichen bzw. extrem schüchternen Menschen
bei der Kontaktaufnahme mit anderen. Sofern sie diese Kontakte als "Übung"
für Kontakte im realen Leben nutzen können, bietet das Internet ihnen
eine positive Chance. Gefährlich wird es, wenn virtuelle Kontakte reale ersetzen
und ohnehin sozial eher scheue Menschen sich noch weiter zurückziehen.
- Die
Anonymität unterstützt "Cyberaffären", was bei Menschen,
die in Beziehungen leben zu ernsthaften Krisen mit dem Partner/ der Partner führen
kann.
- Die
Anonymität fördert die Entwicklung einer "Online-Identität",
eines Wunsch-Phantasie-Ichs, und unterstützt damit die Flucht aus der Realität.
Dieses Verhalten wurde von den Therapeuten bei Patienten mit Depressionen bzw.
psychotischen Erkrankungen festgestellt.
60
% der an der Studie teilnehmenden Therapeuten hatten Klienten betreut, die vor
der Internet-Sucht schon an einer anderen Sucht gelitten haben, z.B. ehemalige
Alkoholabhängige. In bezug auf die Behandlung hat die Studie gezeigt, daß
eine Internet-Suchttherapie nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie auf die spezielle
Form der Internet-Nutzung zugeschnitten ist. In Frage kommen u.a. Sexualtherapien,
Paartherapien, Familientherapien oder Therapien, die sich auf die Verbesserung
der sozialen Fertigkeiten konzentrieren.
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