Thema
der Woche
Kalenderwoche
42; Jahr 2007
Sexualität,
Liebe und
Schamverhalten von Jugendlichen
Studie
zum Thema Jugend und Scham
zeigt große geschlechtsspezifische
Unterschiede.
Mädchen
haben ein größeres und umfassenderes Schamgefühl
in Bezug auf ihren Körper als Jungen im gleichen Alter.
Dies geht aus einer aktuellen Studie hervor, die Dr. Klaudia
Odreitz und Dr. Mario Obersteiner an der Alpen-Adria Universität
in Klagenfurt im Rahmen einer gemeinsamen Dissertation zum Thema
Sexualwissenschaftliche Untersuchung zu Sexualität, Scham,
Nacktheit, Körperbild und Selbstwert von Jugendlichen im
Alter von 15 bis 20 Jahren" durchführten.
Dabei
wurden 523 BerufsschülerInnen aus Kärnten zum eigenen
Körpergefühl, zu Sexualität und zu Scham befragt.
Mädchen schämen sich für den ganzen Körper,
Jungen eher für den
Penis: Während sich Jungen vor allem für ihre
Geschlechtsteile schämen (etwa wegen der Penisgröße,
Dicke, Aussehen), bezieht sich das Schamgefühl bei Mädchen
weniger auf die primären Geschlechtsorgane, als auf den
gesamten Körper.
Zentrales
Thema der Studie war die Frage, wie Jugendlich heute mit ihrer
Körperscham umgehen. Die Jugendlichen sind mit einer Vielzahl
von Ideal- und Zerrbildern von Nacktheit und Sexualität
konfrontiert. Diese produzieren nicht nur bei den Jugendlichen
massenhaft Scham.
Schambegriff
In
der Studie wird Scham als eine anthropologische Konstante bschrieben,
die nicht erst in bestimmten Epochen entsteht. Zugleich ist
sie jedoch auch historisch und geschlechtsspezifisch geprägt.
Grundlegend für die interdisziplinär angelegte Studie
war ebenso Hegels Schambegriff, der diese als "Wirkung
der Liebe" beschrieb. Die Scham wirft den liebenden Menschen
ob seiner Unvollständigkeit auf sich selbst zurück,
beobachtete der Philosoph. Im Zusammenhang mit der eigenen "Minderwertigkeit"
stehe der zur Scham gehörende Handlungsimpuls, entweder
sich selbst oder Teile von sich selbst zu verbergen.
Methode
Die
Autoren
befragten die Jugendlichen anhand von drei Fragebögen zu
ihren Schamgefühlen und der Beurteilung ihres eigenen Körpers
sowie zu ihren bevorzugtesten Partnerschaftsformen und der Wahrnehmungsform
von Liebe. Zentrales Ergebnis: Annähernd 70 Prozent der
Schülerinnen schätzen ihre körperbezogene Scham
als "sehr stark" bis "ziemlich stark" ein.
Bei männlichen Jugendlichen sind es nur etwa 30 Prozent,
die so über ihren eigenen Körper empfinden. Die Mädchen
reagieren extrem stark auf Nacktheit, die nicht nur auf das
weibliche Geschlechtsorgan bezogen ist, währenddessen die
Burschen auf die Genitalscham mit höheren Schamwerten reagieren.
Geringer
Selbstwert
Gleichzeitig
haben die Jugendlichen einen sehr selbstkritischen Umgang mit
ihrem Körper. Sie vergleichen sich ständig mit dem
in unserer Gesellschaft als Idealbild geltenden Körper,
der aber aufgrund seiner Künstlichkeit nicht zu erreichen
ist. Das Gefühl der Minderwertigkeit und der daraus resultierende
geringere Selbstwert ist bei Mädchen ausgeprägter.
Umgekehrt lässt sich feststellen, dass ein schlechteres
Körperempfinden
auch zu mehr Schamgefühlen führt.
Geschlechtsidentität
Bezüglich
Geschlechtsidentität und Sexualverhalten zeigte sich, dass
sich fast alle Jugendlichen im Körper, den sie haben, beheimatet
fühlen. Fünf Prozent der Jungen und zehn Prozent der
Mädchen gaben an, sich vom eigenen Geschlecht angezogen
zu fühlen. Beide Geschlechter hielten den richtigen Zeitpunkt
für den ersten Geschlechtsverkehr zwischen 14 und 16 Jahren
für gekommen.
Etwas
mehr als zwei Prozent der männlichen Jugendlichen machten
in ihrer Kindheit Missbrauchserfahrungen, hingegen fast neun
Prozent der Mädchen. Weiters sprachen 12 Prozent der Jungen
und 14 Prozent der Mädchen von "unangenehmen Berührungen",
denen sie in ihrer Kindheit ausgesetzt waren.
Körperakzeptanz
Interessante
Ergebnisse zeigten sich auch in Bezug auf die Körperakzeptanz
des/ der SexualpartnerIn. Während sich fast alle Jugendlichen
(Burschen wie Mädchen) vor ihren eigenen Körperflüssigkeiten
ekeln, werden diejenigen des/der PartnerIn nicht als unangenehm
wahrgenommen. Die Frage, ob sie sich von ihrem/ihrer PartnerIn
körperlich akzeptiert fühlen, bejahten sowohl Jungen
als auch Mädchen ausdrücklich.
Während
beide Geschlechter den Körper ihres/ihrer PartnerIn "sehr
mögen", zeigte sich bei der Zufriedenheit mit dem
eigenen Erscheinungsbild wieder ein großer geschlechtsspezifischer
Unterschied. Jungen äußerten sich wesentlich zufriedener
mi dem eigenen Körper als Mädchen.
Das schlechtere Körpergefühl bei Mädchen und
die damit einhergehende höhere Schamschwelle leiten wir
aus der geschlechtsspezifischen Sozialisation ab. Die Autoren
warnen daher in diesem Zusammenhang davor, dass die weibliche
Geschlechtlichkeit und Körperlichkeit Gefahr läuft,
durch Eigen- und Fremdabwehr zu erkranken.
Liebe,
Treue und Enthaltsamkeit
Beiderlei
Geschlecht hält das Ideal der sexuellen Treue und wahren
Liebe für wichtig. Drei Viertel der Teenager glauben auch
an Liebe auf den ersten Blick. Hingegen erscheint
ihnen Enthaltsamkeit vor der Ehe ziemlich absurd.
Bevorzugte
Partnerschaftsformen
Die
bevorzugteste Beziehungsform, die die befragten männlichen
und weiblichen Jugendlichen angaben, ist die Paarbeziehung in
einer partnerschaftlichen Form mit sexueller Treue, gefolgt
von Ehe mit sexueller Treue, gefolgt von Single-Dasein. Weit
nach hinten gereiht wurden zweisame Formen wie: Partnerschaft
ohne sexueller Treue sowie Ehe mit erlaubtem Fremdgehen. Das
Leben in einer Kommune fand den geringsten Stellenwert.
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Studie:
Odreitz, Klaudia, Obersteiner, Mario (2007): Sexualwissenschaftliche
Untersuchung zu Sexualität, Scham, Nacktheit, Körperbild
und Selbstwert von Jugendlichen im Alter von 15 bis 20 Jahren",
Dissertation an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt
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