Thema
der Woche
Kalenderwoche
24; Jahr 2004
Die
"neuen" Süchte unter der Lupe

Internetsucht,
Arbeitssucht, Kaufsucht: Was wissen wir wirklich? Wer ist gesund, wer ist
krank? Neue Therapien für neue Süchte?
"Wenn
wir uns die österreichische Sucht in Zahlen ansehen, so ist sie nach wie
vor von den so genannten legalen Drogen dominiert. Alkohol stellt hierzulande
zweifellos neben der Nikotinsucht nach wie vor das zentrale Abhängigkeitsproblem
dar", sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, der neue Leiter des Anton
Proksch Institut Wien/Kalksburg. Anlässlich seiner Antrittsvorlesung informierte
der neue Chef der größten europäischen Suchtklinik bei einer Pressekonferenz
in Wien über Trends und neue Erkenntnisse in der Suchttherapie.
Auch der Europavergleich zeige, dass in Österreich die legalen Substanzen
gegenüber den illegalen Drogen das weit größere Gesundheitsproblem
darstellen, sagt der Suchtexperte. "Beim problematischen Konsum illegaler
Drogen liegt Österreich im EU-Vergleich gemeinsam mit Deutschland und den
Niederlanden im niedrigsten Bereich." Hier hätten also die verbreiteten
Dramatisierungen keine empirische Basis. Die
"neuen" Süchte unter der Lupe Zunehmend
ins Blickfeld von Suchtforschern und -therapeuten geraten seit einigen Jahren
so genannte nicht stoffgebundene Formen der Abhängigkeit. Prof. Musalek:
"Diese Süchte sind auf dem Vormarsch. Nach Essstörungen und Glücksspielsucht,
über die wir inzwischen relativ viel wissen, sind das heute auch Phänomene
wie die Arbeitssucht, die Internetsucht, die Sexsucht oder die Kaufsucht." Sucht
ohne Drogen: Das heißt nicht kontrollierbares Verlangen nach einem exzessiven
Alltags-verhalten - und passt bisher nicht so recht in die Diagnosesysteme. "Hier
sind wir in der Ab-grenzung zum Normalverhalten, zur übersteigerten Aktivität
noch ganz am Beginn einer brauchbaren Diagnostik, die Abgrenzung ist in vielen
Fällen extrem schwierig", sagt der Suchtexperte. "Und hier ist
sicher eine abwägende Debatte notwendig. Denn wenn der Suchtbegriff zu inflationär
verwendet wird, kann das auch zu einer Verharmlosung der tatsächlichen Sucht-krankheit
führen." Andererseits
erfüllen einige der neuen Süchte durchaus alle wesentlichen Merkmale,
wie sie auch von den substanzgebundenen Süchten bekannt sind: Kontrollverlust,
Toleranzentwick-lung, laufend notwendige Dosiserhöhung, psychische Entzugserscheinungen,
zentraler Lebensinhalt, negative soziale Folgen wie finanzieller Ruin oder zerrüttete
Beziehungen.
Von den substanzungebundenen Süchten ist heute nur die Spielsucht inzwischen
in Form des "pathologischen Spielens" in die internationalen psychiatrischen
Diagnoseschlüssel aufgenommen. Von Spielsucht betroffen sind etwa vier bis
sechs Prozent der Bevölkerung, 90 Prozent der Betroffenen sind Männer.
Eine andere dieser neuen Suchtformen, die Internetsucht, ist mittlerweile recht
gut untersucht, wir bieten hier auch ein einschlägiges Beratungsangebot an.
50.000 Menschen, schätzen unsere Experten, sind heute in Österreich
schon krankhaft vom Internet abhängig.
Arbeitssucht:
Wenn die Arbeit zur Sucht wird Schwieriger
ist eine zuverlässige Abgrenzung schon bei anderen neuen Suchtformen wie
der Arbeitssucht: Nicht jeder, der viel arbeitet, ist arbeitssüchtig. Wir
haben hier keine verlässlichen Zahlen. Zu einem Suchtverhalten in Bezug auf
Arbeit gehört mehr: Unter anderem, dass Arbeit zentrales Lebensthema ist
und die Sozialbeziehungen völlig in den Hintergrund treten. Die Arbeit darf
aus Sicht des Süchtigen - wie Alkohol - nie zu Ende gehen, Arbeit wird ver-steckt
und gehortet. Der Süchtige arbeitet wie im Rausch, er verliert den Rhythmus
von Arbeit und Privatem. Kaufsucht:
Süchtiges Kaufen Nach
Untersuchungen der Universität Stuttgart-Hohenheim sind fünf Prozent
aller Erwachse-nen stark und 20 Prozent deutlich von Kaufsucht oder Oniomanie
gefährdet. Doch nicht jeder, der kaufsuchtgefährdet ist, wird oder ist
kaufsüchtig. Die Grenze zwischen einem einfachen Frustkauf und der Sucht
liegt unter anderem im ständig wiederkehrenden Drang, Dinge zu kau-fen, die
man nicht benötigt. Es geht weniger darum, die Dinge zu besitzen, sondern
der Prozess des Einkaufens selbst gibt den Abhängigen eine tiefe Befriedigung.
Es besteht überhaupt kein Bedarf am Gekauften, der Kick stellt sich in der
Kaufsituation selbst ein, kurz darauf kehrt aber wieder die innere Leere zurück,
verbunden mit Niedergeschlagenheit und Enttäuschung. Hohe Schulden gehören
mit zu den dramatischen Folgen dieser Sucht. Alle
Alter-, Einkommens- und Bildungsschichten scheinen gleichermaßen betroffen
zu sein. Es gibt aber deutliche Anzeichen, dass Kaufsucht eine eher weibliche
Sucht ist, was man aber auch dadurch erklären könnte, dass Frauen allgemein
therapiewilliger und selbstkritischer sind als Männer und deshalb in den
Behandlungsstatistiken häufiger aufscheinen. Kann
Sex süchtig machen? Sexsucht
ist unter den "neuen Süchten" bisher als Phänomen noch besonders
umstritten. Eine genaue Suchtanamnese ist jedenfalls wichtig, denn nach internationalen
Untersuchungen liegen bei 60 Prozent der möglicherweise Betroffenen gleichzeitig
andere Abhängigkeiten vor, etwa von Alkohol und/oder Medikamenten. Deutsche
Zahlen sprechen von einer Häufigkeit von ein bis drei Prozent, die Angaben
schwanken stark, eine umfassende Studie zur Prävalenz steht noch aus. Das
Anlegen der klassischen Suchtkriterien wie Kontrollverlust, Toleranzentwick-lung
und Entzugssymptome erscheint in diesem Bereich besonders problematisch. Verlässliche
diagnostische Kriterien für die Sexsucht sowie vor allem Kriterien für
die Abgrenzung von den mannigfachen Formen gesteigerter sexueller Bedürfnisse
fehlen derzeit noch. Welche
Therapien für die neuen Süchte? Für
die meisten der genannten neuen Süchte sind heute keine festgeschriebenen
Diagnosen verfügbar. Es gibt zwar klinische und therapeutische Erfahrungen
mit dem Leid der von diesen Suchtformen betroffenen Menschen, aber bislang noch
relativ wenige spezifische, wissenschaftlich untermauerte Behandlungskonzepte. Eines
ist jedenfalls neu. Während die Abstinenz bei den stoffgebundenen Süchten
beispielswei-se ein zentraler Teil der Therapie ist, ist es hier viel schwerer,
ganz auf das Suchtmittel zu verzichten. Anders als bei der Alkoholkrankheit, wo
man lernen kann, das Glas stehen zu lassen, kann man nicht ein Leben lang nie
mehr arbeiten oder nie mehr einkaufen. Das Therapieziel ist also ein anderes:
Nämlich zu lernen, dass der Betroffene auch ohne seine Exzesse etwas wert
ist. Da der Kontrollverlust aber ein wesentliches Suchtmerkmal ist, ist der selbstkontrollierte
Umgang hier allerdings eine besonders schwierige Aufgabe. Wie
bei den stoffgebundenen Formen der Sucht auch muss die Gesamtsituation der Betroffenen
beachtet werden. Es muss geklärt werden, ob - und wenn ja, welche - psychiatrische
Grundstörung vorliegt, die dann zuerst behandelt werden muss. Und natürlich
müssen die Angehörigen in die Behandlung einbezogen werden - wie bei
allen Suchtstörungen. Bei Suchtformen, die ein großes Verschuldungspotenzial
mit sich bringen wie Kaufsucht oder krankhaftes Glücksspielen sind meistens
auch sozialtherapeutische Maßnahmen unbedingt notwendig, etwa eine Schuldnerberatung. Bei
gleicher Diagnose können unterschiedliche Therapieansätze zum Erfolg
führen. Es gibt keinen Schulenstreit mehr: Was hilft, das hilft.
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